Diese Reise…

„Wie viel muss man auf dieser Reise loslassen?“, versuchte Liliane ihre Gedanken in eine Frage zu fassen und hob etwas resigniert die Arme, um sie gleich darauf wieder in ihren Schoß fallen zu lassen.

„Alles“, Delia ließ sich eine Weile Zeit, bevor sie fortfuhr, „du wirst im Verlauf dieser Reise alles loslassen dürfen. Nicht alles auf einmal, sondern Schritt für Schritt. Alles, was du dachtest zu sein oder sein zu müssen. Alles, was du von der Welt denkst, wie sie ist oder zu sein hat. Alle Ängste, alle Zweifel, alle Wunden, alle Geschichten… dich selbst. Dein Menschsein. Deine Wünsche, deine Ziele, deine Erwartungen… auch deine Familie, deine Ahnen, deine engsten Verbindungen, deine Liebsten…“

Nun war es still auf der kleinen Bank am Wegesrand. Liliane schluckte. War das möglich?

„Warum?“, war alles, was sie fragte.

„Weil du zu dir selbst finden möchtest und dazu alles loswerden wirst, was nicht zu dir gehört. Zurück bleibt reinstes Bewusstsein, klare Energie und viel Weisheit.“

„Ruth meinte vorhin zu mir, dass loslassen auch irgendwie annehmen sei.“

„In gewisser Hinsicht schon, ja. Du könntest auch sagen, dass loslassen bedeutet, alles zu lieben und es dennoch nicht zu brauchen. Es geht darum, dass du alles, was dich umgibt, als einen Ausdruck deiner selbst erkennst und dazu darfst du es zuerst annehmen. Also auch einen wütenden Nachbarn, eine altbekannte Sucht oder deine eigene Geschichte. Es ist alles dazu da, um dich erkennen zu lassen. Sobald du es annehmen kannst, wirst du aber auch bemerken, dass es nicht dein wahres Ich ist. Du bist nicht das, was sich auf der Leinwand deines Lebens zeigt. Somit lässt du es frei. Es darf fließen.“

„Hmm, ich glaube, ich beginne zu verstehen“, murmelte Liliane und blickte nachdenklich über die kleine Wiese mit den bunten Blumen, „das ist irgendwie ganz schön hart.“

„Ja, es kann sich ganz schön schwierig anfühlen, weil wir gelernt haben, uns mit ganz vielen Dingen zu identifizieren, die uns auf dieser Reise genommen werden. Doch bedenke, dass es letztendlich du selbst bist, die diese Reise wählt. Du als deine Seele ruft dich nach Hause. Da gibt es keine Kompromisse mehr. Nur kristalline Klarheit und tiefstes Mitgefühl für diesen Weg, den du als Mensch gehen darfst.“

„Es geht letztendlich nur um mich. Das ist ein komischer Gedanke“, flüsterte Liliane bewegt.

„Ja, so lange, bis du erkennst, dass du in gewisser Hinsicht die Welt bist.“

Ausschnitt aus meinem neuen Buch „Seelenblicke“.

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